Titelbild Osteuropa 7/2007

Aus Osteuropa 7/2007

Kritik der Europakritik
Die intellektuelle Perspektive auf die europäische Integration

Georg Vobruba

Volltext als Datei (PDF, 76 kB)

Abstract

Die europäische Integration bestimmt den Alltag der Europäer. Doch intellektuelle Kritik an ihr gibt es kaum, denn alle einfachen Perspektiven sind schon besetzt. Preisen Intellektuelle die EU für Frieden und Wohlstand, verschmelzen sie mit den europäischen Eliten. Üben sie Kritik an konkreten Formen und Folgen der EU-Politik, laufen sie Gefahr, zwischen dem Unbehagen der Menschen und dessen populistischer Ausbeutung zu verschwinden. Eine intellektuelle Kritik, die im Stile der Kritischen Theorie von der Gesellschaft enthoben ist, verfängt sich gerade deswegen in der Position anderer Akteure. Nur eine Soziologie der Kritik, die gesellschaftliche Ängste in formale Gestaltungsideen überträgt, kann Grundlage für eine eigene intellektuelle Perspektive sein.

(Osteuropa 7/2007, S. 3–12)

Volltext

Es gibt kaum Ansätze zu einer kritischen Theorie der Europäischen Integration. Das ist aus mehreren Gründen erstaunlich. Zum einen handelt es sich bei der Europäischen Integration um eine unwahrscheinliche Entwicklung. Daß sie überhaupt in Gang gekommen ist, muß als glücklicher Sonderfall in der kriegerischen Geschichte Europas angesehen werden, und der erreichte Integrationsstand übertrifft alle Erwartungen. Weiterhin hat die Europäische Integration vielfältige Veränderungen individueller Lebenslagen zur Folge. Ohne Zweifel haben wir es also mit einem relevanten und interpretationsbedürftigen Vorgang zu tun. Und schließlich handelt es sich um einen rasch ablaufenden und ergebnisoffenen Prozeß. Einmischung erscheint also möglich und lohnend. Gleichzeitig gibt es spezifische Schwierigkeiten intellektueller Befassung mit dem Thema Europäische Integration. Bis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Thema Europa ganz überwiegend intellektuellen Stellungnahmen vorbehalten gewesen. Mit den ersten Ansätzen der Institutionalisierung, der Gründung des Europarats (1949), der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (1952) und schließlich mit den Römischen Verträgen (1958), ging das Thema in die Zuständigkeit von Berufspolitik und Bürokratie über. Im Zuge der Institutionalisierung entstanden spezifische EU-Eliten sowie eine überwiegend kritische Attitüde der Bevölkerungen gegenüber diesen Eliten und den Institutionen der EU. Diese freilich stark vereinfachende Skizze mag hier immerhin reichen, um das Ausgangsproblem plausibel zu machen: Da die affirmative Position von den politischen EU-Eliten und die kritische Position von den Bevölkerungen besetzt ist, bleibt für eine genuin intellektuelle Perspektive auf die Europäische Integration kaum Raum. Die Frage ist, wie in dieser Konstellation dennoch eine intellektuelle Perspektive auf die Europäische Integration entwickelt werden kann. Dazu skizziere ich erst kurz den Unterschied zwischen einer Soziologie der Intellektuellen und der Kritischen Theorie. Dann erörtere ich unterschiedliche Akteursperspektiven auf die europäische Integration und die Schwierigkeiten intellektueller Kritik, zwischen diesen Akteursperspektiven eine eigene Perspektive zu finden. Anschließend versuche ich zu zeigen, daß sich diese Schwierigkeiten nur überwinden lassen, wenn man die Fragestellung der Soziologie der Intellektuellen erweitert und von der Kritischen Theorie zur politischen Soziologie der Kritik übergeht. Die Soziologie der Intellektuellen und die Kritische Theorie Der Begriff „Intellektueller“ wurde im Zuge der Dreyfus-Affäre gegen Ende des 19. Jahrhunderts in denunziatorischer Absicht geprägt für Leute, die „das Fehlen einer Verantwortlichkeit für praktische Dinge“ auszeichnet, und deren Erfolgsaussichten im „tatsächlichen oder möglichen Wert als Störungsfaktor liegen“. Als diffamierende Bezeichnung konnte „intellektuell“ nur als Eigenschaft von Personen entwickelt und auf ihre sozialstrukturelle Lage bezogen werden. Der Begriff mutierte bald jedoch zur Selbstbezeichnung von Personen mit gleichsam überschießendem Drang, Wissen zu kommunizieren. So bot sich bald ein Anschluß an die Wissenssoziologie an, die sich zeitversetzt entwickelte. Gegenstand der soziologischen Analyse sind dann nicht die „sozial freischwebenden“ Intellektuellen, sondern die intellektuellen Wissensbestände, die „durch soziale Standorte fixiert sind“. „Intellektuell“ bezeichnet danach eine bestimmte Art von in Textform öffentlich kommuniziertem Interpretationswissen. Den sozialstrukturellen und den wissenssoziologischen Zugang kombinierend hat Rainer Lepsius knapp und prägnant eine Soziologie der Intellektuellen entwickelt. Einen raschen Zugang zu seinem Ansatz findet man, in dem man sich den historischen Hintergrund vergegenwärtigt, vor dem er entwickelt wurde. Dies waren zum einen die Erfahrungen mit den politischen Konglomeraten aus Intellektualität und Macht, die sich in der Folge der Oktoberrevolution gebildet und zu Diktaturen verfestigt hatten. Diese Erfahrungen machten die Einsicht unabweisbar, daß die Kritik der bestehenden Verhältnisse, wenn sie in gesellschaftliche Machtpositionen überführt wird, zur staatsterroristischen Durchsetzung neuer Gesellschaftsverhältnisse tendiert und daß die Maßnahmen zur Herstellung von damit kompatiblen, „neuen“ Menschen, zahllosen dieser Menschen das Leben kostet. Der andere Erfahrungshintergrund war der Konformitätsdruck, dem Intellektuelle in den 1960er Jahren in der BRD ausgesetzt waren, ihre Beschimpfung als „Pintscher“ (Ludwig Erhard) und die staatlichen Versuche, intellektueller Kritik nicht nur die Legitimität abzusprechen, sondern sie in die Illegalität abzudrängen. Die Durchsuchung der Redaktionsräume des Spiegel und die Verhaftung mehrerer Redakteure war ein Erlebnis, das diese Generation prägte. Vor diesem Hintergrund ergeben sich zwei Koordinaten zur soziologischen Bestimmung der Position des Intellektuellen: Zum einen steht der Intellektuelle im Rahmen der „Dichotomie von Macht und Geist“ der Macht fern. Und zum anderen ist dem Intellektuellen die Legitimität seiner Interventionen weder a priori garantiert noch prinzipiell verwehrt. Bemerkenswert ist der eigenartige Doppelstatus von Lepsius’ Bestimmungen. Sie sind sowohl Definitionskriterien von Intellektuellen als auch Forderungen an Intellektuelle. Dieser Doppelstatus ist die konzeptionelle Kehrseite der ambivalenten Stellung des Autors zu seinem intellektuellensoziologischen Text: Es handelt sich um einen intellektuellen Interventionstext und zugleich um einen Text über Intellektuelle. Im Kern jeder Soziologie der Intellektuellen steht die Frage nach den Bedingungen und den Folgen intellektueller Kritik. Worauf es hier erst einmal ankommt ist, daß die Soziologie der Intellektuellen die Position des Kritikers in der Gesellschaft selbst zum Untersuchungsgegenstand macht. Damit wählt sie eine systematisch andere Argumentationsstrategie als die Kritische Theorie. Es reichen wenige Bemerkungen, um dies zu zeigen. Schon in der frühen Entwicklung der Kritischen Theorie findet sich die Tendenz, die in der Praxis nicht auffindbaren evolutionären Subjekte durch eine starke Position des Theoretikers als Gesellschaftskritiker zu ersetzen. Die Selbstermächtigung der theoretischen Kritik erscheint ihr angesichts der zunehmenden ideologischen und machtpolitischen Abdichtung der Gesellschaft alternativlos. In der herrschenden Gesellschaftsform […] hat die Menschheit weder Stimme noch Bewußtsein, es sei denn als Theorie, welche die jeweils fälschlich sich als Allgemeinheit aufspreizenden partikularen Interessen und Mächte im Widerspruch mit der öffentlichen Meinung kritisiert. In der Dialektik der Aufklärung schließlich diagnostizieren Horkheimer und Adorno alles erfassende „Metamorphosen von Kritik in Affirmation“ mit schlimmen Konsequenzen: Es gehört zum heillosen Zustand, daß auch der ehrlichste Reformer, der in abgegriffener Sprache die Neuerung empfiehlt, durch Übernahme des eingeschliffenen Kategorienapparats und der dahinter stehenden schlechten Philosophie die Macht des Bestehenden verstärkt, die er brechen möchte. Diese Theorieanlage macht Gesellschaft zum allumfassenden Verblendungszusammenhang, in dem Kritik nicht möglich und für Kritiker kein Platz ist. Daß dies als Zeitdiagnose zutraf und mit Blick auf den Nationalsozialismus buchstäblich der Fall war, ändert nichts an ihrem grundlegenden Konstruktionsfehler. Denn um die Verdrängung von Kritik aus der Gesellschaft im Zustand ihrer totalen Verblendung darzustellen, muß „im Augenblick der Beschreibung noch von der totgesagten Kritik Gebrauch“ gemacht werden. Der performative Widerspruch, in dem sich die Dialektik der Aufklärung verfängt, drängt Kritik, ob sie will oder nicht, auf außergesellschaftliche Quellen ihres Geltungsanspruchs ab. Dieser geltungsstiftende Rückgriff aber ist mit dem Strukturwandel von traditionalen zu modernen Weltbildern abgewiesen. Denn für das Denken in der Moderne entfallen alle Möglichkeiten des Rekurses auf einen absolutistischen Bezugspunkt von Welterklärung, der Mensch ist „rückverwiesen auf sich selbst“: Wo immer deshalb Sinn in Frage steht, gibt es keine Weiterverweisung, nicht in der Erkenntnis, nicht in der Ethik, nicht in der Ästhetik. Habermas beschreibt die Folgen der „paradoxen Struktur eines Denkens der totalisierten Kritik“ sehr deutlich, sieht aber selbst einen „Ausweg aus der Verlegenheit einer Kritik, die die Voraussetzungen ihrer eigenen Geltung angreift“, nur im Rückgriff auf Normen, die der empirisch erhebbaren Praxis vorausgesetzt sind. Deren Konstitutionsbedingungen widmet er darum in der Theorie des kommunikativen Handelns seine ganze Energie. Auch dieser Ansatz muß auf vorempirische Geltungsgründe von Kritik rekurrieren, faßt die Kritik an der Gesellschaft darum nicht als empirisches Phänomen und kann weder sie noch die kritisierenden Akteure im Objektbereich der Theorie lokalisieren. Wie steht es unter diesen Voraussetzungen nun um intellektuelle Kritik an der Europäischen Integration? Von der Idee Europa zur Institutionalisierung der EU Die Europäische Union als ein „politischer Ordnungsbegriff“ hat ihre Wurzeln in idealistischen, schwärmerischen Ideen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es war vor allem Richard Graf Coudenhove-Kalergi, der die Idee eines politisch vereinten Europa als Gegenentwurf zu der kriegerischen Geschichte des Kontinents entworfen hatte. Seine Position war die eines klassischen Intellektuellen wider Willen: Die Idee einer Paneuropäischen Union blieb machtfern – trotz aller Bemühungen ihrer Anhänger. Nach 1945 ergab sich eine neue Konstellation. Zum einen führten die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegse zu einer tiefen Verunsicherung des nationalstaatlichen Denkens und verhalfen dem Friedensargument zu bisher ungekannter Prominenz und breiter Akzeptanz. Zum anderen gab es personelle Konstellationen, in denen die Macht-Geist-Dichotomie vergleichsweise leicht zu überbrücken war. Man denke etwa an Jean Monnet. Von den ersten Institutionalisierungsschritten ausgehend entwickelte die europäische Integration eine von politischen Eliten exekutierte und von den Bevölkerungen weitgehend ignorierte Eigendynamik. Diese Eigendynamik führte zu einem Integrationsniveau, auf dem die Europäische Union die Lebensverhältnisse der Bevölkerungen der Mitgliedstaaten massiv beeinflußt und die Institutionenbildung der EU die Menschen zu einer expliziten Positionierung zwingt. Die Institutionenbildung ging also der Bewußtseinsbildung voraus. Dann aber hob der Erfolg dieser Institutionalisierung die öffentliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Projekt auf und machte die EU zum Objekt von praktischen Beobachtungen und Interpretationskämpfen. Damit sind wir bei der gegenwärtigen, für „die Dynamik Europas“ relevanten Akteurskonstellation. Ich muß sie kurz rekapitulieren, um die Problematik der Positionierung intellektueller Kritik an der EU beschreiben zu können. Intellektuelle Kritik zwischen den Stühlen Wenn die Institutionenbildung der Bewußtseinsbildung vorausgeht, dann empfiehlt es sich, unterschiedliche Akteursperspektiven auf die Europäische Integration entsprechend ihrer institutionellen Verfassung als „Mehrebenensystem“ zu unterscheiden. Es bieten sich an: die Perspektive der politischen EU-Eliten, die Perspektive der nationalen politischen Eliten und die Perspektive der Bevölkerungen. In der Perspektive der EU-Eliten ist die Europäische Integration ein umfassendes Positivsummenspiel. Von ihr profitierten alle. In dieser Sicht werden unterschiedliche Zeithorizonte und spezifische Verteilungsmuster, in denen Kosten und Nutzen der europäischen Integration anfallen, in aller Regel übergangen. Die Integration erscheint als ebenso fortschrittlich wie alternativlos. Die weiteren Integrationsfortschritte sind in der Perspektive der EU-Eliten eine Frage angemessener politischer Steuerung und der Aufklärung der Bevölkerung darüber. Die EU ist eine policy-Aufgabe und ein Darstellungsproblem. Nationale politische Eliten sind als die „Herren der Verträge“ einerseits treibende Kraft der Entwicklung der EU. Andererseits aber sind sie – stärker als die EU-Eliten – an die Interessen und Interpretationen rückgebunden, welche die Wahlbevölkerungen bezüglich der EU entwickeln. Ein Indiz für die Berücksichtigung der Wählerinteressen durch nationale politische Eliten findet sich in den nationalen Programmen der Parteien der EU-Mitgliedsländer: Langfristig (1950–2005) nimmt in den Programmen die Bedeutung des Europathemas langsam zu, zugleich aber nehmen affirmative Einstellungen dazu ab. Die Einstellung der Bevölkerungen zur EU sind überwiegend utilitaristisch geprägt, Angehörige von Nettozahlerländern sind der EU gegenüber kritischer eingestellt als Angehörige von Nettoempfängerländern. Generell nimmt die Skepsis gegenüber der EU langsam, aber kontinuierlich zu. Die politischen EU-Eliten besetzen also die historisch aus dem intellektuellen friedenspolitischen Engagement hervorgegangene affirmative Position zur Europäischen Integration. Die nationalen Eliten nehmen in unterschiedlichen Schattierungen eine vermittelnde Position zwischen den Exponenten des europäischen Integrationsprojekts und den Interessen der Wähler ein. Und die Bevölkerungen positionieren sich entsprechend ihren Interessen, also ihren Gewinn- und Verlusterwartungen. Man sieht auf den ersten Blick, daß neben diesen Akteurspositionen kaum Platz für die Entwicklung einer genuin intellektuellen Perspektive auf die Europäische Integration bleibt. „Intellektuell“ ist hier eine Kategorie der Wissenssoziologie, nicht der Sozialstrukturanalyse, ich befasse mich also mit intellektuellen Texten, nicht mit intellektuellen Personen. Die überwiegende Mehrheit der intellektuellen Texte zur EU ist im Kern affirmativ. Man betont vor allem die Bedeutung der europäischen Integration als Friedensprojekt. Speziell mit Blick auf die Osterweiterung 2004/2007 kommt noch das Argument der Wiedergutmachung für Jalta dazu. Soweit die intellektuellen Texte aus den neuen Mitgliedstaaten kommen, wird – ganz in der Stoßrichtung der policy-Akteure dieser Länder – die historisch tief verankerte Europazugehörigkeit und die aktuelle EU-Reife dieser Länder betont. Erwähnen die Texte zugleich auch wirtschaftliche Integrationsvorteile, so werden in der Regel – im Gleichklang mit den EU-Eliten – Differenzierungen von Gewinnern und Verlierern, kurzfristig und langfristig, übergangen: Für mich bedeutet die Europäische Union größere Sicherheit und Freiheit, einen erweiterten Horizont und umfassendere Erfahrungen. In der Europäischen Union sind wir den lokalen Verblendungen weniger ausgeliefert, auf dem internationalen Arbeitskräftemarkt bewegen wir uns ungezwungener, und weder die Informationen noch das Kapital müssen wegen politischer Hindernisse an den Grenzen unseres Landes haltmachen. Mit der Verwendung der Personalpronomina „mich“ und „wir“ transportiert dieser Text von György Konrad mehr an Wahrheit als (vermutlich) beabsichtigt: Für den Autor und seinesgleichen mag die EU eine rundum gute Angelegenheit sein. Weite Teile der Bevölkerungen sehen das anders, weil die europäische Integration auf ihre Lebenslagen anders wirkt. Deren EU-Kritik bleibt den affirmativen Intellektuellen ebenso unverständlich wie der Brüsseler Politikelite. Die Entgegensetzung zwischen politischen Eliten und Bevölkerungen wird in diese intellektuellen Perspektiven auf die europäische Integration nicht aufgenommen und reflektierend in die eigene Position eingebaut. In dieser Konstellation sehe ich für kritische intellektuelle Positionierungen zur europäischen Integration nur eine Perspektive. Ich werde die Etablierung diese Perspektive erst an drei intellektuellen Texten zur EU als empirischem Material vorbereiten und dann das Problem des systematischen Orts von Gesellschaftskritik wieder aufnehmen. Kritik an der EU aus einer eigentümlich gesellschaftsfernen Position findet sich in einem Text von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1986. In der fernen Zukunft des Jahres 2006 trifft der Ich-Erzähler den fiktiven pensionierten EU-Präsidenten Erkki Rintala, der in der Einsamkeit finnischer Wälder in seinem Blockhaus sitzt, einen alten Jaguar XK 150 als „ein Andenken an die Moderne“ pflegt und die EU einer Fundamentalkritik unterzieht: Der EU-Präsident sei ein „Herrscher aus Pappmaché“, Brüssel ein riesiger supranationaler Wasserkopf, die europäische Einheit, die jahrzehntelang verfolgt wurde, „eine Chimäre“ – und deshalb „mußte der Brüsseler Schwachsinn in einer gigantischen Pleite enden“. Die entscheidenden Merkmale dieser Version intellektueller Kritik sind: Die Kritikerperspektive ist weitgehend ausgeklinkt aus der Gesellschaft; die Kritik ist Fundamentalkritik; der Text ist eher ein Echo der EU-Skepsis der Bevölkerungen als eine eigenständige Position intellektueller Kritik der EU. Ein Text von Tony Judt kommentiert die europäische Integration weniger pessimistisch, geht aber zugleich deutlich auf Distanz zur politischen EU-Elite und ihrem professionellen EU-Optimismus: So erweist sich die abstrakte und materialistische Qualität der Europeidee als unzureichend, um ihre eigenen Institutionen zu legitimieren und das Vertrauen der Bürger auf Dauer zu halten. Anläufe zur Entwicklung einer originären Perspektive auf die EU finden sich bei Judt überall dort, wo er vorhandene Einstellungen zur europäischen Integration beobachtend in seine Perspektive aufnimmt und daraus Schlüsse zieht. Judt sieht unüberbrückbare Wohlstandsgefälle und regionale Interessendifferenzen in der EU und prognostiziert, daß „die Länder des ehemals kommunistischen Europa niemals zu gleichen Konditionen Mitglieder der Union werden können“. Die entscheidenden Merkmale hier: Indem die Kritik in eine historische Rekonstruktion eingebaut wird, kommt der Text (weitgehend) ohne Formulierung einer eigenen Kritikerperspektive aus; die Kritik wird nicht als kategorische Entgegensetzung, sondern als eine Form von Skepsis formuliert, die auch darauf eingestellt ist, von der zukünftigen Geschichte der EU überrascht zu werden; der Text meidet die Nähe zu EU-relevanten Akteursgruppen. Karl Schlögel dagegen beobachtet Alltagsformen von Europäisierung. Der internationale Autobasar in Marjampolė in Litauen, die kilometerlangen Truckstaus an den EU-Außengrenzen, ein auf das Allerwesentlichste reduziertes Englisch als Grundlage transnationaler Verständigung, die Verbreitung von Ratgeberliteratur für Fernfahrer: Es gibt ein Europa, das wächst: lautlos, fast unbemerkt, unspektakulär. Es wird kaum thematisiert, hat wenig Resonanz, da es von Selbstverständlichkeiten handelt, mit denen sich Berufseuropäer und Konferenzprofis nicht abgeben. Dieses Europa hat fast keine Stimme, weil es nicht von Berufs wegen mit Literatur, Visionen und politischen Projekten beschäftigt ist, sondern mit der Bewältigung des Alltags und den Routinen, die normales Leben möglich machen. Dieses Europa findet man nicht auf Kongressen, sondern auf Autobahnen, in Zügen, an Grenzübergängen. Die entscheidenden Merkmale: Indem sich Schlögels Text auf Beobachtungen real stattfindender Europäisierung beschränkt, verzichtet er auf die Formulierung einer eigenen Kritikperspektive, enthält aber eine implizite Kritik an EU-Elitenpolitik. Und schließlich: Mit der Beobachtung empirisch ablaufender Europäisierung wird die intellektuelle Attitüde von Kritik auf Beobachtung von Kritik umgestellt. Ich habe diese drei Beispiele gewählt, um die Möglichkeit der Transposition von intellektueller Kritik an der EU in eine politische Soziologie der EU-Kritik anzudeuten. Diese Umstellung halte ich für unabdingbar, will man den Schwierigkeiten entgehen, in die intellektuelle Kritik gerät, die sich in eine Gegenposition zur EU als ihrem Kritikobjekt begibt, statt die in ihrem Objekt real vorfindbare Kritik zu beobachten und aufzunehmen. Die Transposition von intellektueller Kritik in eine politische Soziologie der EU-Kritik ist erforderlich, weil man anders den gesellschaftsinternen Standort der eigenen Kritik nicht ausweisen kann, zugleich die Kritik übersieht, die ohnehin stattfindet, und – gerade deshalb – Gefahr läuft, daß die eigene Position von relevanten Gruppen und deren Haltung zur EU bereits besetzt ist. Wie lassen sich nun die systematischen Probleme einer Kritischen Theorie der Gesellschaft mit den aktuellen Schwierigkeiten intellektueller Kritik an der EU zusammenführen? Für eine politische Soziologie der Kritik Man kann das Kernproblem, in das die philosophisch-normativ angeleitete Kritik an der Gesellschaft gerät, auch so formulieren: Der Maßstab für Kritik an ihrem Gegenstand wird außerhalb des Gegenstands gewonnen. Wenn man aber auch noch so viel in die Verfahren zur Generierung eines solchen Maßstabs investiert, so bleibt doch systematisch unklar, ob und warum die gesellschaftlichen Akteure sich diesen Maßstab zueigen machen und entsprechend handeln. Damit aber wird das Kernanliegen der Kritischen Theorie – die praktische Wirksamkeit der Kritik am Gegenstand auf den Gegenstand – dem Zufall überlassen. Denn die Leute können so, aber auch anders. Theoretisch zwingende Praxisfolgen von Kritischer Theorie gibt es nicht, so lange sie sich auf Distanz zur Macht hält. Der Ansatz zu einer Soziologie der Intellektuellen ist mit diesem Problem nicht belastet, weil die Ambition zur Kritik bei der für eine Intellektuellensoziologie relevanten Kategorie von Akteuren ex definitione gegeben ist: Sie sind und verstehen sich als „Störungsfaktor“. Damit aber gerät zugleich die Grenze einer Soziologie der Intellektuellen als empirisches Fundament einer Kritischen Theorie in den Blick. Denn will man Kritik an der Gesellschaft nicht zum exklusiven Merkmal der Intellektuellen machen, muß man das Kritikpotential der Leute einbeziehen und nach den Bedingungen fragen, unter denen die Leute Kritik üben. Diese Frage kann man nur stellen, wenn man sich nicht – sozusagen im Wege einer Selbstermächtigung – als Autor an die Stelle der relevant kritisierenden Akteure in der Gesellschaft setzt, sondern Kritik als sozialen Sachverhalt und somit als soziologisch erklärbar auffaßt. Genau an dieser Stelle lassen sich die Probleme einer Kritischen Theorie der Europäischen Integration mit Konstruktionsproblemen Kritischer Theorie insgesamt zusammenführen. Zum einen: Der kurze Durchgang durch unterschiedliche Positionierungen von Intellektuellentexten zur EU ergab, daß sich nur durch den Wechsel von einer als autonom vorgestellten Kritikerposition hin zur Beobachtung der Beobachtungen, Deutungen und Handlungen der relevanten Akteure eine eigenständige Intellektuellenperspektive auf die europäische Integration noch entwickeln läßt. Eine eigenständige intellektuelle Perspektive auf die europäische Integration läßt sich also nur aus der Beobachtung zweiter Ordnung, und das heißt: durch konsequente Soziologisierung, gewinnen. Zum anderen: Die Aporien der Kritischen Theorie lassen sich nur überwinden, wenn man das kritische Messen der Realität an normativen Maßstäben, die man meint wissenschaftlich gewinnen zu können, aufgibt und im Sinne einer Verallgemeinerung der Frage einer Soziologie der Intellektuellen nach der „Seinsgebundenheit“ von Gesellschaftskritik fragt, wenn man sich also das Denken von Positionen aus verbietet, die in systematisch-theoretischen Texten nur als gesellschaftsexterne, in intellektuellen Texten nur als exklusiv-einsame vorgestellt werden können; wenn man vielmehr strikt daran festhält, daß „Kritik an der Gesellschaft in der Gesellschaft” stattfindet. Wo sonst? Abgestufte Integration Wenn sich die intellektuelle Kritik unmittelbar in die Interpretationskämpfe um die europäische Integration hinein begibt, muß sie offensichtlich die Erfahrung machen, daß alle einfachen Perspektiven schon besetzt sind. Nimmt die intellektuelle Position das Pazifizierungs- und das Prosperitätsargument auf, verhält sie sich zur EU-Elite weitgehend affirmativ und geht letztlich in ihr auf. Übt sie Kritik an konkreten Formen und Folgen der EU-Politik, läuft sie Gefahr, zwischen dem Unbehagen und den Orientierungsproblemen der Leute und deren populistischer Ausbeutung zu verschwinden. Intellektuelleninterventionen scheinen dann am ehesten möglich und sinnvoll, wenn sie Interessen und Deutungen der Menschen aufnehmen und in die Form europapolitischer Gestaltungsideen bringen, die in die europäische Integration passen, die politischen EU-Eliten aber gleichwohl irritieren. Ein Beispiel für eine solche Idee, die eine genuin intellektuelle Perspektive auf die europäische Integration markieren könnte, scheint zu sein, die europäische Integration in den Modus abgestufter Integration zu überführen. Dabei geht es um die Institutionalisierung der Option, daß Mitgliedsländer in bestimmten Politikfeldern ein höheres Integrationstempo einschlagen, so daß vorübergehend oder auch auf Dauer unterschiedlich tief integrierte Ländergruppen in der EU entstehen. Diese Idee ist zwar nicht neu und keineswegs eine Intellektuellenschöpfung. Aber die Idee läßt sich zwischen dem professionellen politischen Integrationsoptimismus und der breit streuenden Integrationsskepsis einerseits sowie zwischen politischem Realitätssinn und intellektuellem Einmischungsimpuls andererseits plazieren: Mit dieser Idee wird eine Entwicklung der Europäischen Union aufgenommen, die sich ohnehin abzeichnet, die Kritik der Menschen an der EU als empirisches Datum genommen und das Projekt der institutionellen Einigung Europas doch nicht preisgegeben.

Volltext als Datei (PDF, 76 kB)