Titelbild Osteuropa 6/2007

Aus Osteuropa 6/2007
Teil des Dossiers Menschen

Poetik der Unerbittlichkeit
Varlam Šalamov: Leben und Werk

Franziska Thun-Hohenstein

Abstract

Varlam Šalamov, dessen hundertster Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, mußte nahezu zwanzig Jahre in Zwangsarbeitslagern des GULag und in sibirischer Verbannung zubringen. Überzeugt davon, daß das Lager den Menschen zerstöre, hat er sich zeitlebens mit den Möglichkeiten und Grenzen literarischen Schreibens über das in den Lagern der Kolyma Erlebte beschäftigt. Die philosophische Ebene seines Nachdenkens über das Dasein des Menschen unter Extrembedingungen von Hunger, Kälte, Gewalt und unmenschlicher physischer Arbeit mündete nicht in eine Abrechnung mit dem Sowjetsystem. Šalamov ging es darum, die Fragilität dessen aufzudecken, was wir gewohnt sind, als Zivilisation oder Kultur zu bezeichnen. In den Erzählungen aus Kolyma hat er vielleicht die radikalsten ästhetischen Konsequenzen gezogen und eine Poetik äußerster Lakonizität und Unerbittlichkeit entwickelt, um „in die Gegenwart des Lagers einzudringen“.

(Osteuropa 6/2007, S. 35–51)