Titelbild Osteuropa 6/2007

Aus Osteuropa 6/2007

Materialschnitt

Andrej Sinjavskij

Abstract

Über Varlam Šalamovs Erzählungen aus Kolyma liegt der Geruch des Todes. Doch das Wort „Tod“ bedeutet hier nichts. Gewöhnlich verstehen wir den Tod abstrakt: das Ende, wir alle sterben. Sich den Tod als Leben vorzustellen, das sich endlos hinzieht, ist viel entsetzlicher. Es heißt: „im Angesicht des Todes“. Šalamovs Erzählungen sind im Angesicht des Lebens geschrieben. Das Leben – das ist das entsetzlichste. Šalamovs Schnittprobe des menschlichen Materials zeigt dessen restliche Eigenschaften: rissige Haut, bindfadendünne Muskeln, ausgetrocknete Hirnzellen, erfrorene Finger, eiternde Wunden. Das ist der Mensch. Der Mensch, der verkümmert bis auf die eigenen Knochen, aus denen die Brücke zum Sozialismus gebaut wird.

(Osteuropa 6/2007, S. 81–86)