Titelbild Osteuropa 6/2007

Aus Osteuropa 6/2007

Der „verfluchte Orden“
Šalamov, Solženicyn und die Kriminellen

Michail Ryklin

Abstract

In den Lagern des Gulag spielten Berufskriminelle eine bedeutende Rolle. Sie agierten wie ein Orden mit eigenen Gesetzen und Praktiken. Solženicyn imponierten die Kriminellen, Šalamov verachtete sie als Un-Menschen. In den Formen und der Ausübung der Macht finden sich überraschende Parallelen zwischen den Kriminellen im Lager und der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion, in der die politische Polizei, die sich selbst als Orden verstand, zentrales Machtinstrument war. Die Herrschaft basierte auf denselben Mitteln: der Denunziation, der Angst, Zynismus und Verachtung jeglicher menschlicher Solidarität und des Privateigentums. Die Annäherung der sowjetischen Ideologie an das kriminelle Milieu ist kein Mißverständnis, kein Fehler; sie ist dieser Ideologie inhärent. Die Schatten reichen bis in die Gegenwart.

(Osteuropa 6/2007, S. 107–136)