Titelbild Osteuropa 6/2007

Aus Osteuropa 6/2007

Der Gulag im Prisma der Archive
Zugänge, Erkenntnisse, Ergebnisse

Nicolas Werth

Abstract

Seit 1989/90 erstes Archivmaterial zugänglich wurde, ist das Wissen über das sowjetische Lagersystem erheblich gewachsen. Die Quellen aus der Gulag-Bürokratie gestatten es nun, jahrzehntelang umstrittene Fragen zu klären. Auf dem Höhepunkt des Lagersystems Anfang der 1950er Jahre waren 2,5 Mio. Menschen inhaftiert, von 1930–1953 waren insgesamt 20 Mio. Opfer der Repression. Die Bedeutung der Zwangsarbeit für die sowjetische Volkswirtschaft muß nach unten korrigiert werden. Nie überschritt ihr Anteil an der Energie- und Industrieproduktion acht bis zehn Prozent. Niedrige Produktivität und Desorganisation waren Kennzeichen. Obwohl die Personalakten des Innenministeriums und der Geheimpolizei bis heute gesperrt sind, gibt es erste Untersuchungen über die Täter in NKVD und Gulag-Nomenklatura. Von denen, die den Großen Terror 1937–1939 überlebten, wurde keiner strafrechtlich je belangt.

(Osteuropa 6/2007, S. 9–34)