Titelbild Osteuropa 8/2006

Aus Osteuropa 8/2006

Editorial
Hörprobe

Manfred Sapper, Volker Weichsel

(Osteuropa 8/2006, S. 3–4)

Volltext

Dmitrij Šostakovič ist auch im Jahr seines hundertsten Geburtstages ein Rätsel. Kein zweiter Komponist des 20. Jahrhunderts hat ein Œuvre hinterlassen, das so reich ist an Brüchen. Exzessive Extrovertiertheit und extreme Introvertiertheit, Expressivität und Unbestimmtheit stehen nebeneinander. Kaum ein Komponist verfügte über eine solche Gabe, Vertrautes mit Unvertrautem und Innovation mit Klassischem zu verbinden. Obwohl ein begnadeter Pianist und Tonkünstler, wurde er wie kein anderer Komponist jahrzehntelang mit außermusikalischen Maßstäben gemessen und politisch gedeutet. Für die einen ist er der Staatskomponist der Sowjetunion, ausgezeichnet mit Stalinpreisen und Leninorden. Für die anderen ist er Opfer eines totalitären Systems, seine Musik Ausdruck des Widerstands gegen Repression und Leiden im Stalinismus. Mitunter ist sogar von Versuchen zu hören, ihn im nachhinein zu einem "Sacharov der Musik" zu stilisieren. Derartige Vereinnahmungen durch Kommunisten, Anti-Kommunisten oder wen auch immer führen ins Leere. Doch selbst wer Šostakovič davor in Schutz nehmen möchte, kann das historische Umfeld nicht ignorieren, in dem seine Musik entstand. Šostakovičs Schaffen speist sich aus der Ambivalenz der Moderne; aus dem Aufbruch nach der Revolution, aus dem Freiheitsversprechen, das umschlug in Unfreiheit. Noch stärker wurzelt seine Musik aber in den spezifischen Gewalterfahrungen in Rußland: im Grauen des Bürgerkrieges, in der Angst, im Großen Terror im Stalinismus und in der Vernichtungserfahrung im Zweiten Weltkrieg. Šostakovič ist der musikalische Chronist einer Epoche, seine Kompositionen künden, so der Komponist Vladimir Martynov, vom Grauen und der Grandezza des 20. Jahrhunderts. Aus dieser Bandbreite resultiert das Nebeneinander von enormer Kraft und großer Verletzlichkeit dieser Musik, daher ihre charakteristische Exzessivität. Šostakovič hat eine musikalische Sprache entwickelt, deren Eindringlichkeit kaum jemanden unbeteiligt lassen kann, der sich einmal auf eine Hörprobe einläßt. Seine Musik fesselt durch ihre Unmittelbarkeit und ihre Tiefe. Sie berührt vor allem dann, wenn sich Šostakovič mit den elementaren Abgründen der conditio humana wie Verzweiflung, Angst, Gewalt oder dem Tod auseinandersetzt. In diesem Heft versuchen internationale Musikwissenschaftler, Musiker und Journalisten, das Rätsel Šostakovič zu lösen. Ihr Zugang ist vielfältig: historisch, musiksoziologisch, werkimmanent, doch immer anregend. Über Musik zu lesen, ohne sie zu hören, verbietet sich von selbst. Deshalb bieten wir die Sonate für Violine und Klavier op. 134 in einer Interpretation von Kolja Blacher und Jascha Nemtsov als Hörprobe an. Gleichzeitig unterzieht Jascha Nemtsov diese Sonate einer fundierten Analyse und plädiert dafür, diesem zu Unrecht vernachlässigten Werk mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Als nächste Hörprobe würde sich vieles eignen: die Vierte, die Achte oder die Zehnte Symphonie, die Streichquartette oder das Erste Violinkonzert. Es ist Zeit, die Politisierung Šostakovičs zu überwinden und -- so der Appell des Dirigenten Valerij Gergiev -- mehr Musik in dieser Musik zu entdecken. Denn eines ist kein Rätsel: Etliches von Dmitrij Šostakovičs Musik ist exzellente Musik.