Titelbild Osteuropa 4-6/2005

Aus Osteuropa 4-6/2005

Bei Vollmond: Holokaust
Genretheoretische Bemerkungen zu einer Dokumentation des ZDF

Hanno Loewy

Abstract

Die Geschichtsredaktion des ZDF unter Leitung von Guido Knopp produziert Dokumentationen über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Sie stoßen auf große Zuschauerresonanz. Für die Folgen von Holokaust zur Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden unternahmen die Produzenten beispiellose Anstrengungen. Das Ergebnisist eine sorgfältig recherchierte Geschichtsdokumentation. Doch Holokaust ist vor allem ein Drama: eine hochgradig synthetisierte und homogenisierte Geschichte, die einem klaren Plot folgt, dem die verwendeten Materialien bedingungslos untergeordnet werden, bei aller historischer Korrektheit im Detail: Holokaust soll eine tragische Geschichte erzählen, oder das, was in einem Horrorfilm an „Tragischem“ möglich ist: Geschichtenvon verstrickten, schuldlos-schuldigen Menschen, vom Schicksal geschlagen, verführt oder traumatisiert von einem Dämon, deraus Menschen Unmenschen gemacht hat. Der Preis ist eine Homogenisierung von Tätern und Opfern.

(Osteuropa 4-6/2005, S. 308–318)