Titelbild Osteuropa 12/2005

Aus Osteuropa 12/2005

Ein unauffälliges Drama
Die Zeitschrift Osteuropa im Nationalsozialismus

Dietrich Beyrau

Abstract

Im Moskauer „Sonderarchiv“ liegen bis heute Akten aus dem Auswärtigen Amt. Sie geben Aufschluß über die Arbeit der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas und der Zeitschrift Osteuropa von 1933 bis 1939 – beide wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mißtrauisch beäugt. Den NS-Ostexperten galten sie als Institutionen der Weimarer Republik. Die Verantwortlichen der Gesellschaft und der Redaktion wie Otto Hoetzsch, Klaus Mehnert und Werner Markert ließen sich auf einen Balanceakt zwischen Ausspielen ihrer fachlichen Kompetenz und Anpassung an die neuen Machthaber ein. Die Annahme, als ehemalige „Verlängerung des Auswärtigen Amtes“ vor politischen Angriffen oder der eigenen Kompromittierung immun zu sein, erwies sich als Illusion. Die Lage der Osteuropa-Gesellschaft wurde immer prekärer. Prominente Repräsentanten wurden in die innere Emigration oder ins Exil getrieben, andere zahlten ihre Anpassung mit einer fatalen Nähe zu den Überzeugungen der NS-Ostexperten. Die Hintergründe der Auflösung der Gesellschaft und des Endes der Zeitschrift 1939 bleiben im dunkeln.

(Osteuropa 12/2005, S. 57–86)