Titelbild Osteuropa 12/2005

Aus Osteuropa 12/2005

Blauer Riese
Das Osteuropa-Raumbild 1951–1955

Sebastian Lentz, Stella Schmid

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Abstract

Von der Wiedergründung der Zeitschrift 1951 bis Ende 1955 erschien Osteuropa in blauem Gewand. Zu sehen war der Ausschnitt einer Weltkarte, die auf der Basis der Mercator-Projektion erstellt wurde. Diese hat den Nachteil, daß sie die Fläche nur am Äquator getreu abbildet, je näher die Darstellung an den Polen liegt, desto stärker wird die Verzerrung. Indien wirkt gegenüber dem nördlichen Sibirien lächerlich klein. Gewollt oder ungewollt vermittelt diese Karte verschiedene Bilder von Osteuropa. Sie könnte einen politischen Osteuropabegriff visualisieren, der neben der UdSSR auch China umfaßt. Gleichzeitig könnte sie im Kalten Krieg dazu gedient haben, die kommunistische Gefahr darzustellen. Nicht unwahrscheinlicher ist, daß es sich um ein bloßes graphisches Gestaltungsmittel handelt. Dafür spricht die holzschnittartige, beinahe expressionistische Anmutung der Darstellung.

(Osteuropa 12/2005, S. 133–138)

Volltext

Karten· sind faszinierende multifunktionale Medien. Sie dienen einerseits dazu, Informationen zur räumlichen Orientierung zu fixieren und bereitzustellen; andererseits sind sie ein Speicher von Wissen, das über die basale räumliche Orientierung hinausgeht: Indem Karten Sachverhalte oder Themen verortet wiedergeben, machen sie Angebote zur Strukturierung von Welt bzw. zur Verständigung über solche Strukturierungen, die einer Orientierung im Sinne von Wertausrichtung entspricht. In kommunikativen Situationen wird Karten als vermittelndem Medium häufig ein quasi-objektiver Wert zugeschrieben – das was auf einer Karte verortbar ist, existiert, muß kaum noch hinterfragt werden. Von der Wiedergründung der Zeitschrift 1951 bis Ende 1955 erschien Osteuropa in blauem Gewand. Zu sehen war ein Ausschnitt einer Weltkarte. Diese Karte wurde auf der Basis der sogenannten Mercator-Projektion erstellt. Im 16. Jahrhundert hatte Gerhard Krämer, latinisiert Mercator, sie zu dem Zweck entworfen, den Kapitänen auf See das Navigieren zu erleichtern. Wir befinden uns im Entdeckungszeitalter. Die Europäer schicken ihre Schiffe über das Meer, und die Steuerleute haben große Mühe, an den Orten anzukommen, zu denen sie gelangen wollen. Das liegt daran, daß man seine Position auf dem Ozean nur reichlich ungenau bestimmen kann. Als Hilfsmittel dienen Sonne und Sterne, Winkelmeßinstrumente (Sextanten) und noch reichlich ungenau gehende Chronometer. Bei schlechtem Wetter, wenn eventuell mehrere Tage hintereinander eine exakte Positionsbestimmung nicht möglich ist, bewegt sich das Schiff möglicherweise weit in eine ungewollte Richtung. Unter diesen Umständen ist eine Karte, die so konstruiert ist, daß jede Kurslinie, d.h. die Himmelsrichtung, in die der Kapitän fahren will, als Gerade, d.h. auch auf dem schaukelnden Schiff mit dem Lineal eingezeichnet werden kann, enorm hilfreich. Und Mercator liefert sie mit seiner winkeltreuen Projektion: Die Kurslinie ist zwar nicht die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten – man bewegt sich ja nicht auf einer planen Fläche, sondern auf einer Kugel –, aber auch dieser Zeitverlust ist angesichts der größeren Orientierungssicherheit zu vernachlässigen. Doch ein Nachteil der Mercator-Karte besteht darin, daß sie die Fläche nur am Äquator getreu abbildet. Je weiter die Darstellung von dort nach Norden und nach Süden entfernt ist, desto stärker wird die Verzerrung. Die Pole schließlich liegen bei dieser Projektion im mathematischen Unendlichen, weswegen sie nicht dargestellt werden können. Grönland wird deshalb auf solchen Karten beispielsweise gegenüber Zentralafrika beinahe grotesk vergrößert. Oder nehmen wir das Beispiel des Osteuropa-Titelbildes: Indien wirkt gegenüber der Darstellung des nördlichen Sibirien beinahe lächerlich klein. Skandinavien, das auf der besagten Titelkarte nur zu einem kleinen Teil abgebildet wird, umfaßt insgesamt rund 750 000 qkm Fläche, während die auf der Abbildung nahezu gleich große Arabische Halbinsel 3,5 Millionen qkm groß ist. Solche Nachteile allerdings werden im Alltag der Seefahrt von damals durch die Vorteile der einfachen Handhabbarkeit bei weitem aufgewogen; und die extremen südlichen und nördlichen Breitengrade werden von den Segelschiffen der damaligen Zeit ohnehin nicht befahren. Über ihren durchschlagenden Erfolg in der Seefahrt hinaus setzt sich die Mercator-Projektion auch in anderen Zusammenhängen durch. So wurden die von den Seekapitänen neu entdeckten Ländereien und späteren Kolonien auf solchen Karten verzeichnet und den Herrschenden zur Kenntnis gebracht. Auf diesem Weg wurden die „Bilder“ von Land-Meer-Verteilungen, die Bilder der Umfänge und Formen von Kontinenten und Meeren, ihre relativen Positionen zueinander immer wieder reproduziert, bis sie von den Benutzern als gegebene, als gewußte, als objektive und schließlich als vertraute Informationen hingenommen und als angemessene Repräsentation von „Welt“ akzeptiert wurden. Die Mercator-Karte ist damit ein hervorragendes Beispiel für den Erfolg einer Visualisierung. Sie konnte sich in verschiedenen Kommunikationskontexten über die Jahrhunderte hinweg behaupten, auch als ihr ursprünglicher Verwendungszweck längst nicht mehr gegeben war. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Weltkarte im Hintergrund der Tagesschau in Westdeutschland war bis in die 1970er Jahre hinein eine Mercator-Projektion. Als sie durch eine flächentreuere, aber auch abstraktere Kartendarstellung ersetzt wurde, erhielt die ARD zahlreiche Protest- und „Trauer“-Briefe von Fernsehzuschauern, denen der Abschied von ihrer gewohnten Welt-Abbildung schwerfiel. Vor diesem Hintergrund ist die Verwendung der Mercator-Projektion auf dem Titelbild von Osteuropa in den Jahren 1951–1955 nichts Ungewöhnliches. Es ließe sich natürlich die These vertreten, daß das Titelbild in Mercator-Projektion und einer Beschriftung mit OST-EUROPA, die bis weit in den Orient und nach China reichte, einen politischen Osteuropabegriff visualisierte, der China und selbst die Länder der arabischen Halbinsel umfaßt, da dort die Entkolonialisierung teilweise unter kommunistischem Vorzeichen stand. Neben dieser sozialsystemaren These ließe sich auch eine funktionalistische These vertreten: Monmonier berichtet, daß bei Vorträgen der rechtsradikalen John-Birch-Society in den USA gewöhnlich Mercatorkarten an der Wand hingen, auf denen China und die Sowjetunion als riesige rote Flächen abgebildet waren. Solche Thesen der bewußten Verwendung lassen sich alleine anhand des Titelbilds natürlich nicht belegen. Mindestens ebenso wahrscheinlich ist, daß es recht banale Gründe waren, die bei der Auswahl dieses Bildes eine Rolle spielten: Möglicherweise war zur Gestaltung des Titels kein geschulter Kartograph, sondern „nur“ ein Graphiker verfügbar, wofür die holzschnittartige, beinahe expressionistische Anmutung der Darstellung spricht, die andererseits auch wieder auf einfache, zeittypische technisch-zeichnerische Mittel verweist. Dabei waren längst andere Projektionen, flächentreuere Darstellungen verfügbar. Kartographen und Geographen waren sich seit langem über die Defizite von winkeltreuen Darstellungen größerer Erdausschnitte völlig im klaren und verwendeten meist flächentreue oder annähernd flächentreue Entwürfe, wie beispielsweise ein Blick in den ersten Diercke-Atlas nach 1945 zeigt: Zum Gebrauch an Schulen durch die Control Commission for Germany (B.E.) und das Office of Military Government for Germany (US) Educations Branch zugelassen war ein Atlas, der für größere Erdausschnitte nicht nur konsequent flächentreue Entwürfe verwendet und die verwendeten Entwürfe auch stets bezeichnet, sondern bereits auf Seite 4, d.h. vor dem eigentlichen Kartenteil, werden verschiedene Kartennetzentwürfe mit ihren Abbildungsqualitäten dargestellt. Auch über die Gründe, warum die Mercator-Projektion 1956 vom Titelbild der Osteuropa verschwand, läßt sich nur spekulieren, da es leider offensichtlich keine Quellen gibt, die Aufschluß über die Motivation der Redaktion oder der DGO geben würden. Der damalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Erich Wende, verwies in seinem Geleitwort zu Heft 1/1956 lediglich darauf, daß die Gesellschaft in Kürze neben Osteuropa drei weitere Zeitschriften (Osteuropa-Recht, Osteuropa-Wirtschaft und Osteuropa-Naturwissenschaft) herausgeben werde. Dies sei Anlaß, „den Umschlag der Zeitschriften graphisch zu verändern, um auf diese Weise die einzelnen Zeitschriften aufeinander abzustimmen“. Doch eine Vereinheitlichung wäre auch auf der Basis der Mercator-Karte möglich gewesen. Eine These ist, daß der Verzicht auf dieses Titelbild sich aus einer stärkeren Sensibilität für die Verzerrungen der Projektion und ihre normativen Wirkungen speiste. Dann hätte man, wollte man die Verräumlichung von „Osteuropa“ durch kartographische Visualisierung fortführen, zu einer anderen Projektion übergehen können, statt ganz auf die Karte zu verzichten. Vielleicht wurde Klaus Mehnert als spiritus rector des Periodikums sich darüber klar, daß die Zeitschrift ein Titelbild verwendete, das für Osteuropa eine nicht gegebene räumliche Kontingenz suggerierte. „Osteuropa“ wandelte sich in diesen Jahren in den Perspektiven von Wissenschaft und Politikberatung von einem wahrgenommenen, gedachten und reproduzierten Raum hin zu einem a-räumlichen Systembegriff. „Osteuropa“ stand dann für die „Kommunistische Welt“, für ein Gesellschaftssystem, für Wirtschaftsprinzipien und eben nicht mehr für einen Raum und noch weniger für seine Regionen und Orte. Detaillierte geographische Informationen über Räume, Regionen und Orte, die aus der empirischen Feldforschung hätten gewonnen werden können, standen in diesen Jahren ja auch kaum zur Verfügung, fielen nur relativ selten zur Veröffentlichung an; kartographisch exakte Darstellungen waren schwierig zu gewinnen, wurden der Gemeinde selten vermittelt. Aus der Perspektive der westlichen Forscher mochte es gelegentlich so scheinen, als habe sich „das System“ wie ein schweres, undurchdringliches Tuch über das ganze Land gelegt und es verhüllt, so daß die Grund- und Aufrisse einer „räumlichen Realität“ nur noch schemenhaft im Relief dieses Tuchs wahrzunehmen waren. Dieser politisch-systemare Osteuropabegriff herrschte in der Zeitschrift bis 1989 vor. In diesem Sinne ähnelt auch die geographische Transformationsforschung nach dem Urknall der politischen Zeitenwende dem Nachhorchen dieses Knalls in einem Raum, der einmal Osteuropa war – und der Nachhall dieses Knalls wird immer schwächer. Die raumbetonte Forschung ebenso wie die Zeitschrift sind also eines ihrer verbindenden Elemente verlustig gegangen, des einfachen Raumcontainers „Osteuropa“. Nicht nur, daß die Möglichkeiten regional differenzierter Forschung es zunehmend schwieriger machen, einfache Karten zu differenzierten Erklärungen zu zeichnen. Auch das Bewußtsein, daß kartographische Darstellungen stets qualitative Kategorien produzieren und/oder reproduzieren, fordert dazu auf, den visualisierten Raumbegriff zu hinterfragen. Wagt man dennoch weiterhin, Karten von Osteuropa und zu Osteuropa zu zeichnen, so steht man vor der Aufgabe, unterschiedliche soziale, politische und kulturelle Dimensionen dieses Begriffs angemessen zu repräsentieren. Thematisch-kartographische Darstellungen müssen der Tatsache gerecht werden, daß „Osteuropa“ ein kulturelles und politisches Konstrukt ist. Jede kartographische Visualisierung ist eine Vereinfachung, die dem Betrachter ein Verständigungsangebot macht, weil sie Komplexität reduziert. Eine große Herausforderung an die Kartographie ist es, die Ungenauigkeiten, die mit dieser Art von Reduktion geschaffen werden, angemessen abzubilden. Allerdings sind die Kartographen nur die eine Seite der Abbildung: Auch die Nutzer müssen sich über den Konstruktcharakter von Karten sehr viel klarer werden und mit ihnen verantwortungsbewußter umgehen. Die Zeit der Unschuld ist vorbei.

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